Wie du deine Gefühle balancierst

Kennst du das? Jemand sagt einen Satz zu dir und eigentlich ist die Situation längst vorbei. Doch Stunden später beschäftigt sie dich immer noch.

Du gehst das Gespräch im Kopf wieder und wieder durch. Was genau hat er gesagt? Wie war das gemeint? Hättest du anders reagieren sollen? Vielleicht ärgerst du dich darüber, dass du gar nichts gesagt hast. Oder du hast etwas gesagt und fragst dich anschließend, ob deine Reaktion übertrieben war.

Manchmal reicht eine Kleinigkeit und plötzlich sind Gefühle da, die viel stärker sind, als es die Situation eigentlich vermuten lässt.

Ich kenne das sehr gut.

Und ich musste erst lernen, dass es nicht darum geht, diese Gefühle möglichst schnell wieder loszuwerden. Viel wichtiger war für mich zu verstehen, warum bestimmte Situationen so viel in mir auslösen und was eigentlich hinter meiner Reaktion steckt.

In meiner Familie zeigte man keine Gefühle

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Gefühle wenig Raum hatten. Darüber wurde nicht gesprochen und sie wurden auch nicht besonders offen gezeigt.

Vor allem unangenehme Gefühle hatten dort keinen Platz.

Also lernte ich früh, vieles mit mir selbst auszumachen. Ich passte mich an, funktionierte und versuchte, nicht unangenehm aufzufallen.

Das bedeutete aber nicht, dass die Gefühle nicht da waren. Ich hatte nur nicht gelernt, mit ihnen umzugehen oder sie auszudrücken.

So sammelte sich über viele Jahre einiges an.

Irgendwann war der Topf voll

Später, in einer Beziehung, änderte sich das plötzlich.

Auf einmal kamen Gefühle hoch, die ich vorher kaum zugelassen hatte. Wut, Enttäuschung, Angst, Verletzung und vor allem eine starke Abhängigkeit davon, wie mein Partner auf mich reagierte.

Wenn zwischen uns alles gut war, ging es mir gut.

War er distanziert, ärgerlich oder verhielt sich anders, als ich es mir wünschte, konnte meine Stimmung innerhalb kürzester Zeit kippen.

Heute kann ich sehen, wie viel ich damals von der Reaktion eines anderen Menschen abhängig gemacht habe. Ich brauchte seine Liebe und Bestätigung, um mich sicher und geliebt zu fühlen.

Das war anstrengend – für mich und vermutlich auch für ihn. 😄

Aber damals wusste ich es nicht besser.

Ein aktuelles Gefühl hat manchmal eine lange Geschichte

Das ist etwas, was ich erst viel später verstanden habe.

Wir reagieren nicht immer nur auf das, was gerade vor uns passiert.

Ein bestimmter Satz kann etwas berühren, das wir schon lange kennen. Ein Blick, eine Geste oder die Reaktion eines anderen Menschen kann plötzlich ein Gefühl von Ablehnung, Zurückweisung oder Nicht-gesehen-Werden auslösen, das viel älter ist als die aktuelle Situation.

Dann sitzen wir vielleicht abends zu Hause und denken:

Warum beschäftigt mich das eigentlich so sehr?

Genau diese Frage finde ich inzwischen viel hilfreicher als den Versuch, das Gefühl möglichst schnell wegzubekommen.

Denn Gefühle können uns etwas über uns erzählen.

Ich wollte meine Gefühle früher einfach loswerden

Ich habe im Laufe meines Lebens unterschiedliche Möglichkeiten kennengelernt, mit Gefühlen zu arbeiten.

Während einer Gestalttherapie sollte ich beispielsweise meine Wut ausdrücken, indem ich auf ein Kissen schlug. Das tat in diesem Moment durchaus gut. Endlich durfte die Wut einmal raus, statt sie wieder hinunterzuschlucken.

Aber irgendwann merkte ich, dass mir das allein nicht mehr reichte.

Ich wollte verstehen, warum mich manche Situationen überhaupt so wütend, verletzt oder hilflos machten.

Was wurde da eigentlich in mir berührt?

Und warum konnte ein anderer Mensch mit einem einzigen Satz meine Stimmung für den Rest des Tages bestimmen?

Damit begann für mich eine viel tiefere Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen.

Gefühle sind für mich Energie

Ich nehme Gefühle nicht nur als Gedanken oder psychische Reaktionen wahr. Für mich haben sie auch eine energetische Qualität.

Wut fühlt sich anders an als Angst. Freude fühlt sich anders an als Traurigkeit. Manche Gefühle machen uns weit und lebendig, andere fühlen sich eng, schwer oder bedrückend an.

Das können wir häufig sogar körperlich wahrnehmen.

Vielleicht zieht sich der Bauch zusammen, der Brustkorb wird eng, die Schultern spannen sich an oder wir spüren plötzlich einen Kloß im Hals.

Für mich gehören Körper, Gefühle und Lebensenergie zusammen. Deshalb möchte ich Gefühle weder dauerhaft unterdrücken noch mich vollkommen von ihnen beherrschen lassen.

Ich möchte wahrnehmen, was gerade in mir geschieht.

Gefühle zu balancieren bedeutet nicht, immer gut drauf zu sein

Früher hätte ich unter emotionaler Balance vielleicht verstanden, möglichst schnell wieder in einen guten Zustand zu kommen.

Heute sehe ich das anders.

Wir müssen nicht ständig glücklich, gelassen und positiv sein.

Es gibt Situationen, in denen Wut vollkommen nachvollziehbar ist. Wir dürfen enttäuscht, traurig oder verletzt sein. Auch Angst gehört zum Leben.

Emotionale Balance bedeutet für mich deshalb nicht, unangenehme Gefühle wegzumachen. Sie beginnt damit, überhaupt wahrzunehmen:

Was fühle ich gerade – und warum trifft mich diese Situation so sehr?

Manchmal ist die Antwort ziemlich eindeutig. Jemand hat etwas Verletzendes gesagt oder eine Grenze überschritten.

Doch manchmal stellen wir beim genaueren Hinsehen fest, dass die aktuelle Situation nur etwas berührt hat, das schon viel länger in uns vorhanden ist.

Und genau dort wird es interessant.

Zwischen Gefühl und Reaktion liegt ein kleiner Raum

Das war für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse.

Ich kann ein Gefühl haben, ohne sofort danach handeln zu müssen.

Wenn ich wütend bin, muss ich nicht im selben Moment eine Nachricht schreiben, die ich am nächsten Morgen bereue. Wenn ich verletzt bin, muss ich nicht sofort entscheiden, dass ein anderer Mensch mich nicht liebt. Und wenn ich Angst habe, bedeutet das nicht automatisch, dass tatsächlich etwas Schlimmes passieren wird.

Ich darf erst einmal wahrnehmen, was in mir geschieht.

Gerade dieser kleine Abstand zwischen dem Gefühl und meiner Reaktion hilft mir heute, Situationen anders zu betrachten.

Nicht immer sofort. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch. 😄

Aber wesentlich häufiger als früher.

Warum wir Gespräche manchmal stundenlang im Kopf weiterführen

Vielleicht kennst du solche Situationen.

Jemand sagt etwas zu dir, du reagierst im ersten Moment gar nicht – und später fällt dir plötzlich ein, was du eigentlich hättest sagen wollen.

Und dann beginnt das Kopfkino.

Du führst das Gespräch beim Kochen weiter, unter der Dusche und später im Bett noch einmal. Inzwischen hast du natürlich die perfekte Antwort gefunden.

Nur leider ist dein Gegenüber längst nicht mehr da.

Hinter diesem inneren Weiterreden steckt häufig ein Gefühl, das noch keinen richtigen Platz gefunden hat. Vielleicht fühlst du dich ungerecht behandelt, übergangen, nicht ernst genommen oder verletzt. Vielleicht bist du aber auch unsicher und fragst dich, ob du selbst etwas falsch verstanden hast.

Dann hilft es oft wenig, sich einfach zu sagen: Jetzt denk doch nicht mehr darüber nach.

Denn offenbar gibt es etwas, das noch gesehen werden möchte.

Nicht jedes Gefühl erzählt die ganze Wahrheit

Das finde ich ebenfalls wichtig.

Gefühle sind für mich wertvolle Hinweise, aber sie sind nicht automatisch ein objektiver Beweis dafür, dass unsere Interpretation einer Situation stimmt.

Ich kann mich abgelehnt fühlen, obwohl mein Gegenüber mich gar nicht ablehnen wollte.

Ich kann Angst haben, obwohl im Moment keine tatsächliche Gefahr besteht.

Oder ich kann mich schuldig fühlen, obwohl ich überhaupt nichts Falsches getan habe.

Deshalb lohnt es sich, Gefühl und Situation irgendwann wieder voneinander zu unterscheiden:

Was ist tatsächlich passiert? Was habe ich daraus gemacht? Und was davon kenne ich vielleicht schon aus ganz anderen Situationen meines Lebens?

Allein dadurch kann sich manchmal schon etwas lösen.

Du musst deine Gefühle nicht wegmachen

Je mehr ich mich mit meinen eigenen Gefühlen beschäftigt habe, desto weniger wollte ich gegen sie kämpfen.

Heute sehe ich sie eher als Hinweise.

Sie zeigen mir, wo etwas in mir berührt wird, was mir wichtig ist, wo ein Bedürfnis nicht erfüllt ist oder wo ich mich selbst vielleicht gerade übergehe.

Das bedeutet nicht, jedem Gefühl blind zu folgen.

Aber ich möchte es auch nicht mehr einfach wegdrücken.

Denn häufig wird es erst dann ruhiger in uns, wenn wir verstanden haben, was uns eigentlich so beschäftigt.

Wenn du dich trotzdem im Kreis drehst

Manchmal haben wir eine Situation schon hundertmal durchdacht und kommen trotzdem nicht weiter. Wir führen Gespräche im Kopf weiter, fragen uns, ob wir über reagiert haben oder was wir eigentlich tun sollen.

Vielleicht kennst du auch diesen Gedanken:

„Ich habe so die Schnauze voll davon – aber ich weiß nicht, wie ich es ändern soll.“

Genau für solche Momente gibt es mein KLARHEIT-Gespräch.

Du kommst mit der einen Sache, bei der du gerade festhängst. Wir schauen gemeinsam darauf, damit du andere Sichtweisen entdecken und für dich wieder klarer sehen kannst.

Hier erfährst du mehr über KLARHEIT.

 
 

 

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