Warum Schmerz es gut meint mit dir

Schmerz ist unangenehm und kann manchmal sogar unerträglich sein. Natürlich wollen wir ihn loswerden, möglichst schnell. Wir nehmen Medikamente, gehen zum Arzt oder zur Physiotherapie, machen Übungen und probieren vieles aus, damit es endlich wieder besser wird.

Das kenne ich nur zu gut.

Und trotzdem habe ich in meinem Leben eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Schmerz war für mich immer wieder ein Wegweiser.

Nicht, weil ich Schmerzen besonders toll finde. Darauf kann ich wirklich gut verzichten. 😄 Sondern weil sie mich gezwungen haben hinzuschauen, wenn ich vorher nicht hingeschaut habe.

Mein Bandscheibenvorfall veränderte mein Leben

Eine meiner prägendsten Erfahrungen liegt inzwischen mehr als 30 Jahre zurück. Damals hatte ich drei kleine Kinder und stand kurz vor meiner Yogalehrer-Ausbildung. Während einer Yogaübung machte es plötzlich „Knacks“ in meinem Rücken – und danach ging kaum noch etwas.

Wochenlang hatte ich starke Schmerzen. Ich bekam Spritzen, Medikamente und verschiedene Behandlungen, doch nichts brachte zunächst die erhoffte Veränderung. Nach ungefähr acht Wochen überwies mich mein Hausarzt schließlich zu einem Chirurgen.

Ich weiß noch genau, wie erleichtert ich war. Endlich würde mir jemand helfen. In meiner Vorstellung würde er mich operieren und dann wäre dieser ganze Spuk vorbei.

Doch der Chirurg sah das vollkommen anders. Er erklärte mir sinngemäß, dass ich viel zu jung für eine Operation sei und meinen Rücken durch gezieltes Training kräftigen müsse.

Ich hätte ihn in diesem Moment erwürgen können. 😄 Schließlich hatte ich Schmerzen – und dieser Mann wollte mir erzählen, ich solle mich bewegen?

Heute bin ich ihm dankbar, denn ohne diese Begegnung wäre mein beruflicher Weg vermutlich vollkommen anders verlaufen.

Ich wollte verstehen, was meinem Körper wirklich hilft

Ich begann, mich intensiv mit Anatomie und Bewegung auseinanderzusetzen. Während meiner Yogalehrer-Ausbildung hinterfragte ich immer stärker, welche Übungen einem Menschen mit Rückenbeschwerden tatsächlich guttun und welche möglicherweise überhaupt nicht sinnvoll sind.

Ich wollte nicht einfach eine Übung machen, weil sie seit Jahrhunderten zum Yoga gehört. Ich wollte verstehen, was dabei im Körper passiert, was ein Rücken braucht, damit er wieder belastbarer wird, welche Muskeln gekräftigt werden müssen und wo Beweglichkeit notwendig ist.

Vor allem beschäftigte mich die Frage, wie Yoga an den jeweiligen Menschen angepasst werden kann, anstatt den Menschen in eine vorgegebene Yogahaltung zu pressen.

Aus diesen Fragen entwickelte sich über die Jahre meine Arbeit mit Heil-Yoga. Und damit bekam mein Bandscheibenvorfall rückblickend eine vollkommen andere Bedeutung, denn ohne diesen Schmerz hätte ich mich wahrscheinlich niemals so intensiv mit dem Körper beschäftigt.

Aber Schmerz ist für mich mehr als ein körperliches Signal

Mein Verständnis hat sich im Laufe der Jahre immer weiter verändert.

Natürlich kann Schmerz körperliche Ursachen haben. Verschleiß, Entzündungen, Verletzungen, Überlastungen, Erkrankungen oder Veränderungen an Gelenken und Gewebe gehören medizinisch abgeklärt und entsprechend behandelt. Das stelle ich heute viel deutlicher heraus als früher.

Trotzdem reicht mir persönlich die Frage „Was hat mein Körper?“ häufig nicht aus.

Mich interessiert ebenso, warum er sich ausgerechnet jetzt meldet. Was geschieht momentan in meinem Leben? Was brauche ich? Wo überfordere ich mich oder gehe immer wieder über meine eigenen Grenzen? Halte ich an etwas fest, das mir längst nicht mehr entspricht? Gibt es etwas, das ich schon lange spüre und trotzdem nicht wahrhaben möchte?

Solche Fragen ersetzen für mich keine medizinische Diagnose, aber sie können den Blick auf das eigene Leben erweitern.

Für mich ist der Körper auch ein energetisches Wesen

Wenn du meine Arbeit schon länger kennst, weißt du, dass ich den Menschen nicht nur als körperliches Wesen betrachte. Für mich sind Körper, Seele und Energiefeld miteinander verbunden.

Meine Seele ist meine Lebens- und Ursprungsenergie. Sie belebt und beseelt meinen Körper. Diese Erkenntnis stammt für mich nicht aus einem Buch, sondern aus meiner eigenen Nahtoderfahrung.

Deshalb erlebe ich meinen Körper auch nicht als eine Maschine, die möglichst störungsfrei funktionieren soll. In ihm fließt Lebensenergie, und ich habe in meinem eigenen Leben immer wieder erfahren, dass dieser Energiefluss beeinträchtigt werden kann, wenn ich dauerhaft gegen mich selbst lebe, meine Bedürfnisse übergehe, Gefühle zurückhalte oder an etwas festhalte, das mir längst nicht mehr entspricht.

Dann kann der Körper für mich zum Sprachrohr der Seele werden.

Meine Beziehung zu meinen Schmerzen hat sich verändert

Früher war meine erste Reaktion verständlicherweise: Wie bekomme ich diesen Schmerz möglichst schnell weg?

Irgendwann kam eine zweite Frage dazu: Was möchte mir mein Körper damit zeigen?

Diese Frage hat meine Beziehung zu meinem Körper grundlegend verändert. Ich musste ihn nicht länger ausschließlich als Gegner betrachten, der mich daran hindert, das zu tun, was ich tun möchte. Stattdessen begann ich, ihm zuzuhören und neugieriger darauf zu werden, warum er gerade so deutlich meine Aufmerksamkeit verlangte.

Das bedeutet keineswegs, Schmerzen einfach auszuhalten oder auf eine notwendige Behandlung zu verzichten. Gerade neue, starke, anhaltende oder ungeklärte Schmerzen gehören medizinisch abgeklärt. Auch eine sinnvolle Schmerzlinderung kann notwendig sein.

Meine eigene Hüftgeschichte hat mir das noch einmal sehr deutlich gezeigt.

Meine Hüfte hat mein Verständnis von Schmerz erweitert

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits viele Jahre Erfahrung mit Heil-Yoga, kannte meinen Körper gut, machte regelmäßig meine Übungen und beschäftigte mich intensiv mit den Zusammenhängen meiner Beschwerden.

Lange hoffte ich, meine Hüftprobleme mit Bewegung, Heil-Yoga und Veränderungen in meinem Leben in den Griff zu bekommen. Vieles davon hat mir geholfen, und ich beschäftigte mich schließlich so intensiv mit dem Thema, dass daraus sogar mein Buch „Hüftarthrose – Vorbeugen und behandeln mit Heil-Yoga“ entstand.

Trotzdem kam Jahre später der Punkt, an dem ich anerkennen musste, dass meine Hüfte operiert werden musste.

Das war zunächst gar nicht so einfach für mich. Schließlich war ich die Heil-Yoga-Expertin und hatte so viel Wissen über den Körper. Sollte ich das nicht irgendwie selbst hinbekommen?

Heute sehe ich das anders. Die Operation war kein Versagen meiner Körperarbeit und sie bedeutete auch nicht, dass meine Erfahrungen auf der seelischen und energetischen Ebene plötzlich falsch waren.

Sie hat mir vielmehr gezeigt, dass wir Körper und Seele nicht gegeneinander ausspielen müssen. Ein Körper kann medizinische Hilfe benötigen und gleichzeitig können wir uns fragen, was uns diese Lebensphase über uns selbst zeigt. Bewegung, Ruhe, medizinische Behandlung, Körperwahrnehmung und die Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen schließen sich nicht gegenseitig aus.

Schmerz hat nicht immer nur eine Ursache

Früher wollte ich häufig eine eindeutige Erklärung finden. Wenn die Hüfte schmerzt, möchte man wissen, warum. Beim Rücken ist es genauso. Wir hätten gern eine klare Ursache und am besten gleich die passende Lösung dazu.

Aber so einfach ist der Mensch nicht.

Bei meinem Bandscheibenvorfall spielten körperliche Faktoren eine Rolle. Gleichzeitig war ich damals mit drei kleinen Kindern häufig überfordert, meine Nerven lagen oft blank und ich sehnte mich danach, dass mir jemand etwas von meiner Last abnahm.

Bei meiner Hüfte gab es Arthrose und eine Schleimbeutelentzündung. Gleichzeitig befand ich mich in einer Lebensphase, in der ich mich immer wieder fragen musste, wie ich eigentlich leben wollte und was mir wirklich entsprach.

Für mich widerspricht sich das nicht. Der Mensch besteht nicht aus einzelnen Schubladen, in denen Körper, Gefühle und Seele fein säuberlich voneinander getrennt liegen.

Was wäre, wenn du deinen Körper nicht mehr als Gegner betrachtest?

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Veränderungen, die meine Schmerzen mir beigebracht haben.

Früher dachte ich häufig: Mein Körper macht nicht mit.

Heute frage ich eher, warum er meine Aufmerksamkeit braucht und was ihm wirklich guttun könnte. Dabei muss ich die Antwort keineswegs sofort kennen. Manchmal braucht es eine medizinische Untersuchung, eine andere Bewegung oder mehr Entlastung im Alltag. Und manchmal merke ich beim genaueren Hinsehen, dass ich schon viel zu lange über meine eigenen Bedürfnisse hinweggegangen bin.

Allein diese Haltung verändert meine Beziehung zu meinem Körper.

Statt wütend auf ihn zu sein, weil er nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte, kann ich beginnen, mit ihm zu arbeiten.

Warum ich trotzdem sage: Schmerz meint es gut mit dir

Damit meine ich ausdrücklich nicht, dass Schmerz etwas Schönes ist oder dass wir leiden müssen, um zu wachsen.

Ich glaube auch nicht, dass ein Mensch selbst schuld an seinen Schmerzen ist, weil er irgendeine seelische Botschaft nicht verstanden hat.

Für mich bedeutet der Satz etwas anderes: Schmerz verlangt unsere Aufmerksamkeit.

Und wohin uns dieses Hinschauen führt, kann sehr unterschiedlich sein. Es kann bedeuten, eine medizinische Ursache behandeln zu lassen, den Körper anders zu bewegen, sich mehr Erholung zu erlauben oder Gewohnheiten im Alltag zu verändern. Es kann aber auch passieren, dass wir dabei auf eine ganz andere Frage stoßen, die zunächst überhaupt nichts mit unserem schmerzenden Rücken oder unserer Hüfte zu tun zu haben scheint:

Lebe ich eigentlich noch so, wie es mir entspricht?

Genau deshalb möchte ich Schmerzen nicht mehr ausschließlich bekämpfen. Ich möchte verstehen, was mein Körper braucht und warum er gerade meine Aufmerksamkeit fordert.

Mein Schmerz wurde zu einem Teil meines Weges

Wenn ich heute auf meinen Bandscheibenvorfall zurückblicke, sehe ich nicht nur acht Wochen voller Schmerzen. Ich sehe darin auch den Anfang einer Entwicklung, die mein Leben und meine Arbeit entscheidend geprägt hat.

Damals begann mein Wunsch, den Körper wirklich zu verstehen. Daraus entwickelte sich meine Arbeit mit Heil-Yoga. Später beschäftigte ich mich immer intensiver mit der Verbindung zwischen Körper, Gefühlen, Bedürfnissen, Lebensenergie und Seele.

Heute weiß ich: Mein Körper hat mir nicht immer das Leben leicht gemacht. Aber er hat mich immer wieder zurück zu mir geführt.

Deshalb ist Schmerz für mich bis heute ein Wegweiser. Einer, den ich nicht romantisiere, den ich aber auch nicht mehr einfach nur zum Schweigen bringen möchte.

Möchtest du deinen Körper besser verstehen?

In meinem Heil-Yoga verbinde ich mein Wissen über Bewegung und Anatomie mit einer achtsamen Wahrnehmung des eigenen Körpers. Dabei geht es mir nicht darum, den Körper in vorgegebene Formen zu zwingen, sondern darum, ihn besser kennenzulernen und herauszufinden, welche Bewegung ihm wirklich guttut.

Hier erfährst du mehr über mein Heil-Yoga.

Wenn deine Hüfte dein Thema ist, findest du viele meiner Erfahrungen und Übungen außerdem in meinem Buch „Hüftarthrose – Vorbeugen und behandeln mit Heil-Yoga“.

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